Seminar zumTaubblindenassistenz mit Zertifikat

Marion Nistor, die TBA-Seminar-Teihnehmerin, berichtet:

 

Als der Taubblinde Peter Hepp, der berühmte Autor des Buches „Die Welt in meinen Händen“ und sein gehörloserTaubblindenassistent Lothar Kratschmann gemeinsam ein Seminar zur Ausbildung zum Taubblinden-Assistenten im Internet (z.B. im Taubenschlag, Deutschen Gehörlosenbund etc…) angeboten haben, haben sich bereits über 60 (!) Teilnehmer angemeldet.

Leider konnten nur 20 „Auserwählte“ an dem Seminar teilnehmen. Der Rest der Angemeldeten wurde in eine Warteliste für nächstes Jahr 2008 eingetragen.

Die Unterrichtssprache ist DGS. Das Seminar fand an vier Wochenenden (im April, Juni, September und November 2007) im Hörgeschädigtenzentrum St. Antonius in Rottweil statt.

 Taubblinder Peter
Hepp und sein Taubblindassistent Lothar Kratschmann
Taubblinder Peter Hepp und sein Taubblindassistent Lothar Kratschmann


1. Wochenendseminar (21./ 22. April 2007)

 

Am Samstagmorgen schien die liebe Sonne.

Um 9.00 Uhr trafen sich 21 Teilnehmer (20 hörgeschädigte, 1 hörende von Beruf Gebärdensprachdolmetscher) aus Norden und Süden, aus Westen und Osten im Hörgeschädigtenzentrum. Einige Teilnehmer kannten sich schon. Die Anderen lernten sich kennen. Gegenseitig befragte man sich, wo und im welchem Hotel übernachtet wird.

Dann begrüßte uns der taubblinde Seminarleiter Peter Hepp. Natürlich war sein Taubblindenassistent Lothar Kratschmann dabei, der ebenfalls Seminarleiter ist.

Das Wichtigste hat uns Peter als erstes beigebracht, wir sollten es im Kopf behalten und auswendig lernen: Taubblinden-Assistent (TBA) muss GEDULD und DISZIPLIN haben.

D.h. wenn einer etwas fragen möchte, muss er aufzeigen und geduldig sein. Und wenn er gebärdet, muss er neben Peter stehen, so dass Lothar für Peter in Taktiler Gebärdensprache (TGS) dolmetschen kann. Ebenso können die Teilnehmer im Sitzen den Gebärdeten sehen und so die Frage mitverfolgen.

Später erklärte Peter, wie der Tagesablauf aussieht und was wir in der Ausbildung lernen sollen.

 

Tagesablauf

Am Samstag von 9.00 bis 18.00 Uhr mit 2 Zwischenpausen, einer Mittagspause und Kaffee-Kuchen-Pause und am Sonntag von 9.00 bis 14.00 Uhr mit einer Zwischenpause und einer Mittagspause.

 

Ausbildungsablauf:

  • Theoretischer und praktischer Unterricht
  • mind. 15 stündiges Praktikum mit dem Taubblinden (TBL, mit der Bestätigung des Taubblinden)
  • schriftliche Abschlussprüfung (Prüfer Lothar)
  • praktische Abschlussprüfung (Prüfer Peter und seine Ehefrau Maita)
  • mündliche Abschlussprüfung (aus zeitlichen Gründen entfallen) 

 

Themen:

  • Taubblindenassistenz??? Was ist das??? (werde ich später erklären!)
  • Taubblindheit
  • Praktische Übung – Selbstwahrnehmung/ Fremdwahrnehmung
  • Theorie: Selbstwahrnehmung/ Fremdwahrnehmung
  • Ursachen für Gehörlosigkeit (GL) und Taubblindheit (TBL)
  • Kultur der Hörenden und Gehörlosen bzw. Taubblinden
  • Praktische Übung - Wie führt TBA einen TBL? Wie führt TBA einen TBL?

 

Mit offenem Mund verfolgten wir fasziniert dem Unterricht von Peter über das Thema TBL, vieles war interessant und gleichzeitig neu für uns.

Nach einer kurzen Pause haben wir TBL und TBA im Wechsel als Rollenspiel gespielt. Der„TBL“, bekam eine schwarz-undurchsichtige Schutzbrille. (Die hörende Teilnehmerin musste dazu Gehörschutzstöpsel plus Gehörschützer nehmen, damit sie nichts hören konnte, wie eine richtige Hörgeschädigte.) Es war wirklich nicht so einfach, weil viele durch plötzliche „Dunkelheit“ verunsichert waren. Eine weitere Schwierigkeit war mit der Orientierung zu Recht zu kommen (z.B. Treppen steigen). Manche schafften es sich mit TGS zu verständigen. Natürlich gab es auch viel zu lachen,  das Benehmen der „TBL“ war oftmals komisch. Nach der Mittagspause haben wir uns über die  Rollenerfahrungen, die  Selbst- und Fremdwahrnehmung ausgetauscht.

Nach dem ersten Seminartag gingen wir gemeinsam in ein italienisches Restaurant.

Der nächste Tag war wieder sonnig. Lothar referierte an dem Sonntag über Ursachen für GL und TBL und Kultur der Hd und GL/ TBL. Nach dem Vortrag übten wir, wie wir TBA TBL führen sollten. Übungen waren Treppen steigen, Tür öffnen, nach draußen gehen, TBL informieren, dass TBA ihn für einigen Minuten alleine lässt, etc… Danach hatten wir viele Fragen zu den Übungen, auch wurde über Kritik diskutiert.

Um 14 Uhr endete das 1. Seminarwochenende.

Bevor wir uns verabschiedeten verabredeten wir gemeinsame Übernachtungsmöglichkeiten für das nächste Seminarwochenende.


2. Seminarwochenende (23./ 24. Juni 2007) 

 

Der Tagesauflauf blieb der gleiche wie beim ersten Wochenende.

 

Diesmal waren die Themen:

  • Kommunikationsformen (Taktiler Gebärdensprache, Lormen, Braille…)
  • Kommunikationsverhalten mit TBL
  • Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)
  • Praktische Übung: Mit „Weißen Stock“ gehen
  • Vorstellung der Fa. „Handy Tech Elektronik GmbH“  (www.handytech.de)
  • Praktische Übung: TBA begleitet TBL zum Park und beschreibt, was TBA draußen sieht.
  • Film über „Taktile Körperzeichen aus Dänemark“

 

Maita Hepp (Peter’s Ehefrau) hielt einen Vortrag über Kommunkationsformen des TBL und erklärte uns, wie wir als TBA mit TBL kommunizieren und uns dabei verhalten sollen.

Nach der Mittagspause zeigte Frau Haberstroh, die hörende Fachfrau vom Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV), die Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF), wie man trotz Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung Selbständigkeit erlangen kann. Z.B. 10-Finger-Schreibssystem, Orientierungshilfen in der Küche, Umgang mit der Schere, Fäden einfädeln etc.

Danach übten wir mit dem „Weißen Stock“ durch das Haus zu gehen, natürlich mit der schwarz gemalten Schutzbrille. Wir, nun als TBL gingen Treppen auf und ab. Wir fühlten uns mit dem „Weißen Stock“ sicherer als ohne Stock! Somit machten wir am eigenen Leib die Erfahrung, dass der „Weiße Stock“ das wichtigste Hilfsmittel im Straßenverkehr ist.

Nach der praktischen Übung erläuterten uns zwei Fachmänner, der eine vollblind und der andere hochgradig sehbehindert, von „Handy Tech Elektronik GmbH, die verschiedene Technische Hilfsmittel (z.B. Bildschirm mit Vergrößung, Tastatur mit Braille-Eingabe, Handy mit Funktionen „Talk“ und „Zoom“). Uns wurde vom Fachmann gezeigt, wie eine SMS mithilfe „Braillino“ (siehe http://www.handytech.de/de/normal/produkte/fuer-blinde/braillino/index.html?no_cache) an einen GL geschickt werden konnte. Es war unglaublich interessant.

Am Abend, die Sonne ging schon langsam unter, machten wir uns diesmal auf zu einem chinesischen Restaurant.

Am Sonntag musste der TBA den TBL nach draußen in den Park begleiten und dort den TBL über die Gegebenheiten und aussehen des Parks informieren. Auf dem Rücken des  TBL „malten“ wir, wo der Bahnhof ist, wo dar Brunnen steht, wie die hohe Brücke aussieht, hier mussten wir auch in TGS, Lormen, Fingeralphabet etc. kommunizieren.

Wir hatten Glück mit dem tollen Wetter. Nach der Mittagspause guckten wir den Film über „Taktile Körperzeichen aus Dänemark“, so genannt „Haptics“ (Lehre von Tastsinn). Zum Schluss konnten wir wie immer Kritik äußern, dann verabschiedeten wir uns.

 

Taktile
Gebärdensprache
Taktile Gebärdensprache

Taubblindenassistenz
beim Spaziergang
Taubblindenassistenz beim Spaziergang

 

3. Seminarwochenende (22./ 23. September 2007)

 

Wieder schien die Sonne glücklicherweise am klaren Himmel.

Der Tagesablauf blieb der gleiche wie an den zwei ersten Wochenenden.

 

Themen waren:

  • Aufgaben der Assistenz/ TBA- Ordnung (Kodex)
  • Hilfsbeziehung zwischen TBA und TBL (Herr Fischer, Psychologe)
  • Hilfssyndrom (Herr Fischer, Psychologe)
  • Dolmetschen bei TBL während des Unterrichts
  • Hilfen für taubblinde Menschen – Was sagt das Gesetz? (Lela Kotarac) 

 

Lothar erklärte uns die Aufgaben des Assistenten und die TBA- Ordnung. Nach der kleinen Pause kam der Psychologe Herr Fischer zu uns. Er arbeitet mit Taubblinden zusammen. Leider war sein Vortrag „Hilfsbeziehung zwischen TBA und TBL“ meines erachten nicht gut gelungen, da es viele Missverständnisse trotz Übersetzung durch Dolmetscherin gab. Zwischen den Teilnehmern und dem Psychologen gab es Meinungsverschiedenheiten, zudem war das Thema nicht stimmig zu den Seminarinhalten.

Lela Kotarac, Sozialpädagogin und selbst auch Teilnehmerin, hat zu dem Thema „Hilfen für tbl. Menschen – Was sagt das Gesetz?“ einen Vortrag gehalten.

Nach dem Referat musste die Hälfte der Teilnehmer als Taubblinde die schwarz gemalte Schutzbrille aufsetzen und sich mit dem Rücken zur Tafel und Peter setzen. Die andere Hälfte der Teilnehmer setzen sich gegenüber und waren nun die TBA und sollen für die „Taubblinden“ den Unterricht  dolmetschen, egal ob in Taktiler Gebärdensprache, Lormen oder anderen Kommunikationsformen. Das Thema war „Gehörlosigkeit mit Usher Syndrom“ (Typ I). Die TBA sollen auch die Bilder des Projektors beschreiben. Es war für die TBL nicht einfach, alles zu verstehen bzw. sich vorzustellen zu können, was der TBA gedolmetscht hat. Oft war die Vorstellung ganz anders als das Bild. Später wechselten die Teilnehmer die Rollen.

Ich bin aus privaten Gründen an diesem Tag abgereist. Die anderen Teilnehmer gingen am Abend ins chinesische Restaurant.

Am Sonntag habe ich per SMS und E-Mail erfahren, dass die Teilnehmer mit dem Vortrag von Herrn Fischer über das Thema „ Hilfssyndrom“ nicht zu frieden waren.
 

4. Seminarwochenende (24./ 25. November 2007)

 

Diesmal hatten wir schlechtes Wetter, es regnete.

Aufgeregt und nervös trafen die (nur) 16 Teilnehmer sich am Samstagmorgen im Unterrichtsraum. Alle guckten zur Tafel, auf der die Namen der Teilnehmer aufgelistet waren. Es gab zwei Gruppen, A und B.

Die Gruppe A hatte am Morgen die schriftliche Prüfung, die Gruppe B die Praktische. Nach der Mittagspause wechselten die Gruppen. Die Gruppe B hatte somit die schriftliche Prüfung und die Gruppe A die praktische Prüfung.

Die schriftliche Prüfung dauerte 1 Stunde und die praktische Prüfung 45 Minuten.

Als der letzte Teilnehmer mit der praktischen Prüfung fertig war, kamen Peter, Maita und Frau (Name???) in den Unterrichtsraum. Sie sahen erschöpft aus, aber glücklich, weil alle Teilnehmer die praktische Prüfung bestanden hatten. Peter fragte Lothar nach dem Ergebnis der schriftlichen Prüfungen. Lothar antwortete, dass alle aus der Gruppe B bestanden hätten. Und alle bis auf einen Teilnehmer aus der Gruppe A bestanden hätten. Bei einem Teilnehmer stand noch nicht fest, ob er bestanden habe oder nicht. Es solle noch ein Gespräch zwischen beiden Seminarleiter Peter und Lothar stattfinden.

Am Abend gingen wir zusammen chinesisch essen. Dort haben wir die gute Nachricht bekommen, dass der einen Teilnehmer bestanden hatte. Wir sind vor Freude in die Luft gesprungen, jetzt konnte der Abend beginnen.

Am letzten Tag haben wir die Teilnahmebescheinigung bekommen. Das Zertifikat wurde per Post geschickt.

 

Die Themen des letzten Tages waren:

  • Prüfung (Schwerpunkt Fehler in der praktischen Prüfung)
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Kongress (Fortbildung)
  • Vortrag „Neutral“
  • Adressenvermittlung
  • Abschluß (Kritik…)

Peter erläuterte uns die Hauptfehlerquellen bei der praktischen Prüfung. Viele Fehler wurden gemacht, bei Öffnen der Türen und bei der Raum- u. Personenbeschreibung.

Freiwillig übernahmen 2 Teilnehmer, über das TBA- Seminar einen Bericht zu schreiben, der dann im Taubenschlag, Life inSight etc. veröffentlicht werden sollte.

Wir haben gemeinsam überlegt, wann und wo der 1. Kongress für TBA erfolgen sollte. Wir haben uns geeinigt, dass der 1. Kongress im Januar 2009 in Rottweil stattfinden solle.

Danach hielt Peter den Vortrag über die„Neutralität des TBA“.

Dann fragte uns Lothar nach unseren Adressen und ob wir bereit wären, die Adressen im Netzwerk (www.taubblindenseelsorge.de, www.taubblindenverein.de) zu veröffentlichen.

Zum Schluss gab es negative und positive Kritik, danach  verabschiedeten wir uns…

Natürlich haben wir das  Gruppenfoto nicht vergessen… ;o)

Die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer des Seminars mit den Dozenten Peter und Maita Hepp (ganz vorne
2. und 3. von rechts) und Lothar Kratschmann (ganz hinten rechts)
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars mit den Dozenten Peter und Maita Hepp (ganz vorne 2. und 3. von rechts) und Lothar Kratschmann (ganz hinten rechts)


letzte Änderung - 28 January 2013