"Gott erweckt Freude in allem, was ER berührt"
(Seraphim von Sarow)
Über die Dramatik der Berührung aus spiritueller Sicht eines taubblinden Seelsorgers
Gliederung:
1. Einführung
2. Alttestamentliche Dramatik der Berührung
3. Neutestamentliche Dramatik des Berührung
4. Aktuelle Dramatik des Berührung
1. EINFÜHRUNG
Bewusstwerdung über die Bedeutung der Berührung
Ich bin taub geboren. Schon in frühen Jahren war ich mir der Wichtigkeit meiner Hände für die Beziehung und Kommunikation mit meinen Mitmenschen, meiner Umwelt voll bewusst. Aufgrund des USHER-Syndroms bin ich im Laufe der Jahre erblindet und erst da begann ich immer mehr die wahre Größe der Hände zu "begreifen"... wenn ich verstehe, was mein gehörloser Gesprächspartner mir in Gebärdensprache erzählt, indem ich meine Hände auf seine lege, wenn meine Hand mir verrät, dass meine Frau gut gelaunt ist, wenn ich einen fremden Gegenstand entdecke und meine Gedanken angeregt werden, wenn meine Hand mir Vorfreude auf den saftigen glatten Apfel gibt....
Im Bereich des Taubblindenwesens und der Taubblindenpädagogik ist es ein zentraler Punkt über das "Berühren" nachzudenken: Tastsinn, fühlen, taktile Wahrnehmung, tasten, Förderung der taktilen Wahrnehmungsfähigkeit, anfassen, taktile Gebärdensprache ....
Meine Taubblindheit lässt mich seit längerem und immer wieder neu erfahren, welche Kraft die Berührung auslöst. Diese Kraft kann Positives wie Freude, aber auch Negatives wie Leid bewirken.
Die Berührung hat unabsehbare Wirkung. Man hat oft Furcht, etwas zu berühren. Es kann ja passieren, dass unvorsichtiges Berühren etwas dramatisches auslöst...
Diese Befürchtung ist berechtigt, denn diese Gefahr existiert tatsächlich. Statt Glück, Heil oder Segen kann "falsches" Berühren Unglück, Unheil oder gar Fluch bewirken.
Ich berühre die Tastatur des PC. Bereit zum schreiben. Neben mir das "Buch der Bücher", die heilige Schrift - in Braille. Ich öffne es und die Punkte ergeben ein Wort "Berührung".
Das macht mich neugierig. Was sagt die Bibel zu diesem Thema. Ich beginne zu forschen.
Ich fand eine Fülle an biblischen Berichten. Für den Artikel zum Thema "Über die Dramatik der Berührung" kann nur eine in unserem Interesse gezielte Auswahl an Zitaten getroffen werden.
2. ALTTESTAMENTLICHE DRAMATIK DER BERÜHRUNG
Ursprung der Dramatik der Berührung
Schon in den ersten Seiten der Bibel geht hervor, welche Wirkung die Berührung hervorrufen kann. In der bekannten Schöpfungsgeschichte ist von verbotenen Früchten die Rede, und in diesem Zusammenhang steht das erste Berührungsverbot:
Davon dürft ihr nicht essen, und daran dürft ihr
nicht rühren, sonst werdet ihr sterben." (Gen 3,1-3)
Gott macht eine Unterscheidung: Die Berührung, die ER uns Menschen verbietet ist mit einer Warnung verbunden, dass eine Missachtung zum Tod führt. Ansonsten erlaubt ER uns, alles zu berühren. Und die von Gott erlaubten Berührungen der Früchte des Paradieses bringen Lebensfreude.
Hier tut sich die Dramatik der Berührung auf, denn trotz der Gefahr vor todbringender Berührung baut Gott kein Hindernis auf, das dem Menschen ein unerlaubtes Berühren einer bestimmten Frucht verhindern könnte. Und tatsächlich: Die Frau im Paradies berührt unerlaubt die Frucht...
Die Folgen sind dramatisch: Der Mensch wird aus dem Paradies verbannt!
Begrenzung der Dramatik der Berührung
Das bedeutet jedoch kein endgültiges "aus", wie die nächste Geschichte zeigt.
Abraham lebt als "Fremder" im Land und wendet folgende List an, um friedlich dort mit seiner Familie und Herde bleiben zu können:
Abraham behauptet beim König Abimelech, seine Frau Sara sei seine Schwester. Daraufhin holt der König Sarah zu sich. Doch Nachts erscheint Gott und warnt Abimelech, die Frau nicht zu berühren:
Du musst sterben wegen der Frau, die du dir genommen hast; sie ist
verheiratet. Abimelech aber war ihr noch nicht nahegekommen. Mein Herr, sagte er,
willst du denn auch unschuldige Leute umbringen?
Hat er mir nicht gesagt, sie sei seine Schwester? Auch sie selbst
hat behauptet, er sei ihr Bruder. Mit arglosem Herzen und mit reinen
Händen habe ich das getan.
Da sprach Gott zu ihm im Traum: Auch ich weiß, daß du es mit
arglosem Herzen getan hast. Ich habe dich ja auch daran gehindert,
dich gegen mich zu verfehlen. Darum habe ich nicht zugelassen, daß
du sie anrührst.(Gen. 20, 3-6)
Dieser Bericht offenbart uns, dass Gott den König hindern will die verheirateten Frau zu berühren. Im Unterschied zur Frau im Paradies, die sich der Gefahr voll bewusst ist, ist der König arglos, sogar "rein im Herzen und mit reinen Händen". Und er befolgt die Warnung Gottes und berührt Sara nicht. Hierfür bekam er Segen...
Weiter folgende Geschichten zeigen, dass im Laufe der Zeit die Berührung eine große Macht erhält, wie folgende Geschichte zeigt.
Übertragung der Dramatik der Berührung
Die Berührung erhält große Wirkkraft mit rechtlichen Folgen. So scheut man nicht davor zurück sogar einen Betrug anzuwenden, um in den Genuss dieser Folge der Berührung zu kommen. Ein konkretes Beispiel hierfür bietet dieser Bericht. Der Erstgeborene hatte ein Anrecht auf die Erbschaft. Dieses Recht wurde übertragen durch den sogenannten "Erstgeburtssegen", also durch Handauflegung - also eine Berührung. Ist diese Berührung einmal erfolgt, so ist sie wirksam also rechtskräftig mit allen Konsequenzen. Im folgenden Bericht geht es darum, wie Isaak seinem Sohn Esau diesen Segen spenden will. Seine Frau Rebekka plant mit Jakob, der zweite Sohn, den inzwischen blinden Isaak zu täuschen, denn durch fühlen würde Isaak den richtigen Sohn durchaus erkennen.
Jakob antwortete seiner Mutter Rebekka: Mein Bruder Esau ist aber
behaart, und ich habe eine glatte Haut.
Vielleicht betastet mich mein Vater; dann könnte er meinen, ich
hielte ihn zum besten, und ich brächte Fluch über mich statt Segen.
Dann holte Rebekka die Feiertagskleider ihres älteren Sohnes Esau,
die sie bei sich im Haus hatte, und zog sie ihrem jüngeren Sohn
Jakob an.
Die Felle der Ziegenböckchen legte sie um seine Hände und um seinen
glatten Hals.
Jakob befolgt die Anweisungen seiner Mutter und führt den Plan aus. Er geht zu Isaak um sich den "Erstgeburtssegen" zu holen.
Jakob entgegnete seinem Vater: Ich bin Esau, dein Erstgeborener. Ich
habe getan, wie du mir gesagt hast. Setz dich auf, iß von meinem
Wildbret, und dann segne mich!
Isaak ahnt, dass etwas nicht stimmt:
Da sagte Isaak zu seinem Sohn: Wie hast du nur so schnell etwas
finden können, mein Sohn? Er antwortete: Der Herr, dein Gott, hat es
mir entgegenlaufen lassen.
Hier
erhält die Dramatik der Berührung ein neues "Gesicht" und zwar:
Gültigkeit trotz Betrug! Isaak misst der Wahrnehmung durch das Berühren
mehr Bedeutung zu als dem, was er hört:
Da sagte Isaak zu Jakob: Komm näher heran! Ich will dich betasten,
mein Sohn, ob du wirklich mein Sohn Esau bist oder nicht.
Jakob trat zu seinem Vater Isaak hin. Isaak betastete ihn und sagte:
Die Stimme ist zwar Jakobs Stimme, die Hände aber sind Esaus Hände.
Er erkannte ihn nicht, denn Jakobs Hände waren behaart wie die
seines Bruders Esau, und so segnete er ihn.
Er fragte: Bist du es, mein Sohn Esau? Ja, entgegnete er.
Und Isaak segnet seinen zweiten Sohn Jakob, statt den echten Erstgeborenen.
Als
Jakob zurückkehrt fliegt der Schwindel auf und dennoch zeigt sich die
Wirkkraft der Berührung. Der Segen durch Handauflegung ist nicht
rückgängig zu machen!
Da fragte ihn sein Vater Isaak: Wer bist du? Er antwortete: Ich bin
dein Sohn Esau, dein Erstgeborener.
Da überkam Isaak ein heftiges Zittern, und er fragte: Wer war es
denn, der das Wildbret gejagt und es mir gebracht hat? Ich habe von
allem gegessen, bevor du gekommen bist, und ich habe ihn gesegnet;
gesegnet wird er auch bleiben.
Als Esau die Worte seines Vaters hörte, schrie er heftig auf, aufs
äußerste verbittert, und sagte zu seinem Vater: Segne auch mich,
Vater!
Er entgegnete: Dein Bruder ist mit List gekommen und hat dir den
Segen weggenommen.
(Gen 27, 11 - 35)
Im
Laufe der Geschichte des Volkes Israel geschehen weitere spektakuläres
Ereignisse, die mit Berührung zu tun haben. Wir lesen über Wunder
bewirkende Berührung wie im folgenden:
Sobald aber der Tote die Gebeine Elischas berührte, wurde er wieder lebendig und richtete sich auf (2 Kön 13,21)
Oder
eine Berührung, die eine Tilgung der Schuld und eine Entsühnung der
Sünden also eine Folge für das persönliche seelische Heil.
Er (Der Engel) trug in seiner Hand eine
glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte.
Er
berührte damit meinen Mund und sagte: Das hier hat deine Lippen
berührt: Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt (Jes 6,6-7)
"Missverstandene" Dramatik der Berührung
Im
Spätjudentum gewinnt die Berührung einen neuen Aspekt: Es gab schon zu
früheren Zeiten Regeln für das Berühren. Die sogenannten mosaischen
Reinheitsgebote hatten den Sinn vor Krankheit zu schützen. In heutiger
Sprache würden wir sie Regeln für die Hygiene nennen. Sie beschrieben,
was (oder wer) berührt werden darf oder nicht. Doch die Interpretation
dieser Gesetze wandelte sich. Der Begriff "unrein" (=unhygienisch)
wurde zum Synonym für "sündig" und "rein" (=hygienisch) zum Synonym für
"heilig". D.h. also: Wer etwas "Unreines" berührte, wurde selbst ein
"Sünder". Die Berührung eines "geheiligten" Gegenstandes bewirkte
"Heiligung". Furcht vor Berührung des Unreinen war die Folge. Noch in
der letzten Zeit vor dem Kommen Jesu Christi bestand diese verdrehte
Haltung.
Wenn eine Frau niederkommt und einen Knaben
gebiert, ist sie sieben Trage unrein, wie sie in der Zeit ihrer Regel
unrein ist. Am achten Tag soll man die Vorhaut des Kindes beschneiden,
und dreiunddreißig Tage soll die Frau wegen ihrer Reinigungsblutung zu
Hause bleiben. Sie darf nichts Geweihtes berühren und nicht zum
Heiligtum kommen, bis die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist. (Lev, 12
2-4)
Wenn die Zeit ihrer Reinigung vorüber ist, soll sie, für einen
Sohn ebenso wie für eine Tochter, ein einjähriges Schaf oder eine
Turteltaube als Sündopfer zu Priester an den Eingang des
Offenbarungszeltes bringen. Er soll es vor dem Herrn darbringen und sie
entsühnen;..(Lev 12,6+7)
Inmitten dieses spannungsgeladenen
Klimas begann nun Jesus von Nazareth öffentlich zu wirken. Und was über
ihn berichtet wird im Zusammenhang mit Berührung ist wirklich
revolutionär!
3. NEUTESTAMENTLICHE DRAMATIK DER BERÜHRUNG
"Erneuerte" Dramatik des Berührens7:11 Die Auferweckung eines jungen Mannes in Naïn: 7,11-17
Einige Zeit später ging er in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger
und eine große Menschenmenge folgten ihm.
7:12 Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten
heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und
viele Leute aus der Stadt begleiteten sie.
7:13 Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu
ihr: Weine nicht!
7:14 Dann ging er zu der Bahre hin und faßte sie an. Die Träger blieben
stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!
7:15 Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab
ihn seiner Mutter zurück.
Für Zeitgenossen Jesu bedeutet diese Auferweckung des toten Mannes ein absolutes Wunder, das nur Gott allein bewirken kann. Aber nicht nur dieses Wunder ist das Entscheidende, sondern das Berühren Jesu einer "unreinen" Bahre und eines "unreinen" Toten. Dieses Berühren bedeutet der Bruch mit den Reinheitsgeboten! Ein Verbrechen Jesu gegen die geltende Berührungsethik!
Es bleibt aber nicht bei diesem einzigen Mal, sondern noch oft berührt Jesus aus Mitleid heilend viele "Unreine" (Aussätzige, Besessene, Lahme, Blinde, Taube...) und wird in den Augen der damaligen jüdischen Glaubenswächter zu einer Art "Serientäter".
Aber nicht nur sein Berühren, sondern auch das Sich-Berühren-Lassen von den "Unreinen" berühren, erregt die Gemüter. Unter den vielen spektakulären Ereignissen, wie bspw. die blutflüssige "unreine" Frau die Jesus von hinten berührt und dadurch die Heilung erfährt, kann die folgende Geschichte als "skandalöser Höhepunkt" bezeichnet werden:
7:36 Die Begegnung Jesu mit der Sünderin: 7,36-50
Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen
eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch.
7:37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im
Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß
voll wohlriechendem Öl
7:38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen
fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar,
küßte sie und salbte sie mit dem Öl.
7:39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er:
Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine
Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine
Sünderin ist.
Für das Verständnis dieses gastgebenden Pharisäers dürfte Jesus, den man ehrenvoll auch "Rabbi" also Meister nannte, die Berührung dieser "Sünderin" nicht zulassen. Sonst droht ihm die "Sündenbefleckung"! Aber Jesus lässt zu, dass er von "Sündern" berührt wird. Jesu berührt und heilt. Er lässt sich berühren und die Menschen werden nicht nur von ihren äußeren Leiden geheilt, sondern auch von innen. Jesus hat es vorgelebt: Von der Berührung geht Leben und Heil aus
Weshalb er dies zulässt, also sich von fremden Sünden "beflecken" lässt, begründet Jesus mit seiner Vollmacht zur Sündenvergebung. Für diesen Pharisäer und seine Gleichgesinnten ist dies eine absolute Gotteslästerung, die die Todesstrafe verdient. Und tatsächlich: Jesus wurde deshalb verurteilt und starb am Kreuz.
Dramatik der Berührung heute: Glauben durch Berühren:
Der Tod Jesu am Kreuz lässt die Jünger verzweifeln. Es sieht nun so aus, dass Jesus kein Messias Gottes ist, der ewige Freude bringen soll. Nach der Auferstehung zeigt sich Jesus seinen Freunden. Einer ist nicht dabei und glaubt nicht dass Jesus auferweckt worden ist. Er gilt bis heute als Symbol für den "Zweifler" schlechthin: Thomas.
Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei
ihnen, als Jesus kam.
Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er
entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen
sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und
meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas
war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre
Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine
Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei
nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig
sind, die nicht sehen und doch glauben. (Joh 20.24-29)
Die Geschichte des Thomas bringt es auf den Punkt, worum es im Leben eines taubblinden Menschen geht: Was ich berühre, das existiert, das ist wahr und das kann ich glauben. Wenn es einen "Patron der Taubblinden" gäbe, so bin ich sicher, müsste es dieser Thomas sein und kein anderer!
4. AKTUELLE DRAMATIK DER BERÜHRUNG
Dramatik der Berührung im Alltag des taubblinden Seelsorgers
"Sind
viele da?" fragte einmal ein kluger und begabter taubblinder Mann
seinen Betreuer und bekam daraufhin als Antwort in seine Hand gelormt
(= Tastalphabet nach Lorm für Taubblinde): "Ja, hier sind viele! Hier
sind Gerd, Gabi, Andreas...." Wenig Minuten später stellte er ihm
wieder dieselbe Frage: "Sind viele da?" , und bekam wiederum dieselbe
Antwort. Kaum waren ein paar Minuten waren, da hörte sein Betreuer zum
drittenmal die gleiche Frage vom Taubblinden und rastete aus: "Ich
hab`s doch jetzt schon zweimal gelormt, warum fragt er denn schon
wieder?!" Eine andere erfahrene Betreuerin erkannte diese Situation und
forderte den Betreuer auf: Steh mit ihm auf! Lass ihn jeden berühren!".
Dieser Aufforderung folgte der Betreuer. Nach Abschluss der
"Berührungsrunde" ("Da ist Gerd" - Hand und Hand berühren sich... "Da
ist Gabi" Hand und Hand berühren sich...) sitzt der taubblinde Mann
wieder und bemerkt lächelnd: "Viele sind da!"
Diese wahre
Begebenheit macht deutlich, wie notwendig die Berührung für taubblinden
Menschen ist. Durch Berührung wird das Da-Sein wahrgenommen. Diese
Da-Sein-Wahrnehmung durch Berührung, also per Tastsinn, ist die
wichtigste Stütze für die Bewältigung des Schicksals taubblind zu sein.
Der Hörsinn der Ohren nimmt wahr, wie jemand spricht; der Sehsinn
nimmt wahr, wie jemand handelt; der Tastsinn aber nimmt überhaupt
jemanden wahr! Diese Tatsache erlebte ich nicht nur aufgrund meiner
eigenen Taubblindheit, sondern auch beim Engagement für andere
taubblinde Menschen. Oft stoßen meine mündliche Informationen bei ihnen
auf wenig Begeisterung, ebenso auch z.T. auch meine Aktivitäten. Ihr
größtes Interesse richtet sich auf mein Da-Sein für sie! "Du bist da!"
war oft freudige Reaktionen meiner Leidensgenossen, wenn sie mich
berühren...
"Nimmst du dir Zeit, für mich da zu sein?" - D.h. also,
dass ich nicht nur für einen Augenblick, sondern längere Zeit wie z.B.
eine halbe Stunde berührbar bin. Oft tut es meinem taubblinden
Sitznachbarn wohl, wenn sein Knie und mein Knie sich berühren und
minutenlang zusammen bleiben, egal ob geplaudert wird oder nicht.
So
erfahre ich am eigenen Leib die Dramatik der Berührung. Es lohnt sich
aber immer Trotz des Zeitdruck, der unsere Gesellschaft ziemlich
belastet, sich Zeit für Berührung zu nehmen. Die einfachste Berührung
wie das Zusammensitzen reicht oft aus, um bspw. einen verärgerten
Taubblinden zu beruhigen. Schon oft durfte ich die schöne Wirkungen
durch Berührungen erleben. Ich wurde einmal zu einem scheinbar
depressiven Taubblinden gebracht, von dem man mir sagt, dass er sich
mehr und mehr zurückzieht. Er reagierte zuerst abwehrend. Aber nachdem
er und ich zusammensaßen, und ich ihm per taktiler Gebärdensprache
vermittelte, dass ich viel Zeit habe, begann er los zu plaudern, als
wäre er gar nicht depressiv...
Zeit für Berührung zu gewinnen gehört
heute wohl zu den schwierigsten Aufgaben für Dienst an Menschen, aber
dafür auch zu den faszinierendsten. Denn durch das bekannte Wort Jesu
Christi: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin
ich in ihrer Mitte" können wir gewiss sein, dass die heilbringende
Berührung Jesu Christi mitten unter uns existiert, wenn wir im Namen
Jesu Christi uns die Zeit für Berührung unserer Nächsten nehmen. Durch
unsere Zeitnahme für Berührung unserer Nächsten bewirkt heilbringende
Berührung Jesu Christi!
(Veröffentlicht in der Zeitschrift "hörgeschädigte kinder", Januar 2004)